Kevin Burba2018-06-04T20:55:29+00:00

Kevin Burba (SC Oberstdorf)

Mitte Februar begann Kevin mit seinen Vorbereitungen für die Teilnahme an den Special Olympics Sommerspielen in Kiel, die vom 14.- 18.Mai 2018 stattfanden, nachdem er seine Langlaufsaison abgeschlossen hatte. Der 23 jährige, der im letzten Jahr bei den World Wintergames, den Olympischen Spielen für Menschen mit mentaler Beeinträchtigung, mit 2 Bronzemedaillen im Gepäck nach Hause nach Oberstdorf zurückkehrte, war getragen vom Gedanken, als er bei der Abschlussfeier der Spiele in Ramsau/Schladming erfuhr dass die nächsten Sommerspiele 2019 in Abu Dhabi stattfinden und er davon träumte, dort dabei sein zu können.

Von seinem Vater Joachim wurde er dann im Frühjahr 2017 für die Bayerischen Spiele in Hof gemeldet, da er sich nur mit einer sehr guten Platzierung über die regionalen Meisterschaften für die nationalen Meisterschaften einen Startplatz erfahren konnte. Dies schaffte er im Juli letzten Jahres durch den Gewinn einer Gold- und einer Silbermedaille und wurde darauf über drei Disziplinen für die Spiele 2018 gemeldet.

Im abgelaufenen Winter trainierte Kevin sehr viel in seiner eigentlichen Paradedisziplin, dem Skating, wo er seit Jahren Deutschlands bester Langläufer bei den Specials ist und holte sich die Grundlage für die kommenden Radwettkämpfe.

So wurde das Rennrad, das er 2016 für 120 Euro günstig erworben hatte, im heimischen Heizkeller auf Rollen gestellt und anfänglich musste er von seinem Vater noch „angetrieben“ werden, nach getaner Arbeit sich für gut 1 Stunde am Tag, zwischen Heizkessel und Öltank im heimischen Heizkeller zu quälen.

Doch das änderte sich schnell. Kevin übernahm Selbstverantwortung und machte sich nach seinem achtstündigen Arbeitstag, er arbeitet seit Dezember 2016 in Oberstdorf bei der OTG als Haustechniker, einer Tätigkeit der er sehr gerne nachgeht, fast täglich auf das Rad und spulte sein Trainingsprogramm herunter. Dabei verschliss er auf der Hinterrolle innerhalb kurzer Zeit einen nagelneuen Reifen. Anfang April, als die Tage länger wurden, wurde dann das Rennrad wieder straßentauglich mit neuen Reifen gemacht und er machte sich nahezu täglich auf seine Trainingsstrecke- allein und ohne angetrieben zu werden, denn er hatte ja ein großes Ziel vor Augen: er wußte dass diese Spiele die Selektion sind wo die Athleten von Seiten der Verbände dem Präsidium vorgeschlagen werden, die dann im nächsten März in dem Wüstenstaat für Deutschland an den Start gehen sollen und er ohne Topleistung dort keine Chance hat vorgeschlagen zu werden. Also wurden noch so viele Kilometer mitgenommen, bevor es dann auf mehreren Etappen, mit Vater und Mutter in Richtung Kiel gefahren wurde.

Dann war es dann soweit: Jetzt musste auf der 5 km Strecke, es wurde ein selektiver Kurs von 1,3 km viermal durch den Wald oberhalb von Kiel und knapp vom Ostseestrand entfernt, mit Anstieg und Abfahrten! gezeigt werden was man drauf hatte. Jeder der Teilnehmer, der entweder für 5, 10, 15, 25 oder 40 km von den Trainern gemeldet wurde, musste im Einzelzeitfahren- Kampf allein gegen die Uhr, auf die Strecke. Der Oberstdorfer erzielte die drittschnellste Zeit aller Teilnehmer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 34,45 km/h auf diese 5 km und nach diesen Zeiten wurden die Leistungsgruppen zusammengestellt. Es war klar dass Kevin sich mit den besten Rennradfahrern Deutschlands messen muss, den Teilnehmern von den bisherigen Weltspielen und die da gerne wieder starten möchten.

Im ersten Wettkampf um Medaillen ging es dann am selben Nachmittag. Hier hatte er als Topfavoriten den 3- fachen Goldmedaillengewinner der letzten Spiele in Hannover 2016, David Pancke vom Special Olympics Förderverein Hochrhein, in seiner Startreihe. Sofort setzten sich diese beiden bei Beginn des Rennens von den anderen Teilnehmern ab und fuhren auf und davon. Nach ca. einem Drittel des Rennens musste aber Kevin Burba trotz allem Aufbäumens erkennen dass gegen David nichts zu machen ist. Dieser spulte routiniert sein Programm herunter, er hat in diesem Jahr bereits 10500 km auf dem Rad hinter sich, und gewann souverän. Kevin Burba kam mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 31,95 km/h nach 25km ins Ziel und war überglücklich über den Gewinn der Silbermedaille.

Am darauffolgenden Tag trat Kevin zum Rennen über 10 km an. Hierbei traf er auf den schnellsten in der Qualifikation sowie auf den gegen er von zwei Jahren über die 15km im Endspurt in Hannover die Goldmedaille verloren hatte. Diese zwei gaben von Beginn Vollgas und Kevin blieb als Dritter an ihnen. Dann aber in der 3. Runde zollte er dem hohen Tempo Tribut und fiel auf den 4. Platz zurück. Zwischenzeitlich betrug der Abstand zum Dritten bei ca. 25 Sekunden. In der letzten Runde, ca. 1km vor dem Ziel beim Anstieg lag er immer noch an dritter Stelle. Ich sah ihn leer ausgehen, denn der Dritte lag gute 100m noch vor ihm. Was dann passiert ist, weiss ich nicht da ich mich im Zielbereich aufhielt und ganz nervös war. Dann kam der erste ins Ziel mit gebührendem Abstand dann der Zweite. Und dann……. ich glaubte zu träumen: Kevin kam mit einem Vorsprung von ca. 30m vor seinem Mitstreiter und hielt diesen bis ins Ziel. Somit Bronzemedaille im 10km Rennen und mit einem strahlenden Lächeln liess er sich diese Medaille stolz um den Hals hängen und einige der Betreuer, Zuschauer und Aktiven klopften ihm anerkennend auf die Schulter.

Zu seinem letzten Rennen bei diesen Spielen trat er am Donnerstag um 9.30h über die 15 km wieder im Massenstart an. Hier war erneut der überragende Athlet der letzten Jahre, er sollte auch in Kiel unbezwungen sein, am Start. Dabei dessen Clubkamerad, der am Vortag die Bronzemedaille gegen Kevin verloren hatte und der sehr motiviert war. Beide Sportler zogen vom Start gemeinsam weg (könnte Stallorder gewesen sein, denn der schwächere hielt sich eine ganze Weile im Windschatten seines Kameraden) und Kevin konnte nicht folgen. Auch hier war der Abstand zum zweiten zwischenzeitlich auf 30 Sekunden angewachsen, die Silbermedaille weit weg. Dann passierte dasselbe wie am Vortag: Kevin hatte den Zweiten vor dem letzten Anstieg gute 100m vor sich. Hier zündete er den Turbo, schloss auf und am Ende der letzten Abfahrt überholte er seinen Gegner und fuhr als Zweiter über die Ziellinie.

Der 23 jährige vom SC Oberstdorf hat sich durch die bravourösen Auftritte hier bei den Nationalen Ausscheidungskämpfen sportlich durch seinen Kampfgeist und seinen Fahrstil dem Verband präsentiert und er dürfte nun in der näheren Auswahl für die wenigen Startplätze Deutschlands bei den Weltspielen 2019 empfohlen haben. An diesem liegt es nun ihn dem Präsidiums von Special Olympics Deutschlands vorzuschlagen und sollte dies klappen sucht Kevin erfahrene Rennradler aus dem Oberallgäu die ihn für die Spiele „fordern“ und vielleicht auch fördern.

Unmittelbar nach dem Rennen wurde Kevin vom Mitveranstalter des LHT Rennens, hier geht es für ein paar ausgewählte Sportler mit Handicap eine Woche 2800 km durch Deutschland, gefragt ob er denn gerne bei dieser Veranstaltung (übrigens diese findet statt am 19. August und startet und endet in Braunschweig- mit einem Etappenziel in Oberstdorf!) dabei sein möchte und nachdem ein „ja„ über Kevin’s Lippen kam – „dann bist du dazu eingeladen“. Die 4 Akteure dieser Veranstaltung werden von Begleitfahrzeugen Tag und Nacht begleitet mit einem Tross von Helfern und sie fahren immer wechselweise 2 Stunden mindestens zu zweit, Sicherungsfahrzeug immer hinter den Radlern.

Resümee dieser Special Olympics für mich als Vater und Betreuer, sowie Beobachter von nunmehr mehreren Special Olympics Spielen, Sommer wie Winter. Kevin hat sich dank den sportlichen Erfolgen persönlich gewaltig weiter entwickelt, an Selbstbewusstsein enorm gewonnen und sich in zwei Sportarten (Langlauf im Winter und Rennrad im Sommer) als belastbarer Ganzjahressportler Ansehen im In- und Ausland erworben. Mit seinem Trainingsfleiss und Lernwillen hat er Dinge erreicht, die er ohne den Sport niemals erreicht hätte.

Und nun komme ich zu einem Thema dass mich sehr traurig macht. Kevin ist der einzige Sportler der aus dem Bereich zwischen Lindau bis Füssen, von Oberstdorf bis Kempten, stammt der bei den Sommerspielen Hannover 2016, Hof 2017 und Kiel 2018 an den Start ging. In Kiel bei diesen Spielen gingen in 18 verschiedenen Sportarten, mit jeweils verschiedenen Disziplinen, über 4600 Sportler aus 390 Delegationen (Schulen, Einrichtungen, Einzelmitglieder wie z.B. Kevin) aus dem gesamten Bundesgebiet, sowie 5 ausländische, an den Start.

Und nur einer aus den Landkreisen Lindau, Oberallgäu, Kempten und Ostallgäu, nämlich Kevin!

Finde ich deprimierend!

Mein Eindruck ist einfach, dass die Schulen und auch die Einrichtungen wenig Interesse zeigen Schüler bzw. Mitarbeiter der Einrichtungen durch Sport zu fördern, dass dann diese an den Landesmeisterschaften starten. Ich habe über die paar Jahre gesehen, wie sich die Sportler auf die Wettkämpfe vorbereiten, freuen und an Selbstwertgefühl bei diesen Spielen gewonnen haben. Diese Anerkennung, die sie durch den Sport gewonnen haben, bringt sie im Leben in der Schule, Einrichtung etc. weiter und macht sie leistungsbereiter und leistungsfähiger und belastungsfähiger! Sie messen sich mit gleichstarken und gleichgesinnten, bekämpfen und verlieren Ängste und machen neue Erfahrungen. Und meist solche positiver Art! Wo sonst schon finden die Menschen mit mentaler* Beeinträchtigung, wenn nicht bei Wettkämpfen, wo sie von wildfremden Menschen die, entlang der Strecken bzw. in den Wettkampfarenen stehen, ihnen applaudieren und sie anfeuern? Wer die strahlenden Gesichter der Sportler hier gesehen hat, kann nur erahnen welche Glücksgefühle diese Menschen in diesem Augenblick haben, direkt im Ziel oder bei der Siegerehrung, und mit nach Hause nehmen. Jeder der das Ziel erreicht hat, hat sein „Ich“-Bewusstseins verbessert und an Selbstvertrauen gewonnen, denn in der Vorbereitung schon wurde die Selbständigkeit durch das Erlernen, Verstehen und Akzeptieren (in der Gemeinschaft) von Regeln erhöht und während des Rennens hat jeder der Akteure in seinem Rennen selbständig auf der Strecke Entscheidungen getroffen. Z.B. wo und wann überhole ich, im Aufstieg oder in der Abfahrt, fahre ich links oder rechts vorbei usw.

Warum dies nicht von den Schulen und Einrichtungen gefördert wird, enttäuscht mich gewaltig!

Ich denke die Verantwortlichen enthalten damit den Menschen mit Handicap Erfolgserlebnisse vor, die nach meiner Meinung nicht zu verantworten sind. Gemeinschaftliche Sportausübung fördert den Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen, die Verbesserung des Kommunikationspotentials und erhöht die jeweilige Toleranzspanne. Und ist gesund, macht Spaß, und gibt Lebensfreude! Wer das nicht glaubt möge bitte zu den nächsten Winterspielen in Reit im Winkel 2019 reisen und sich davon ein Bild machen. Kevin ist dabei, im Langlauf, denn die Teilnahme an diesen Spielen ist notwendig um sich für nationalen Ausscheidungswettkämpfe 2020 zu qualifizieren denn da geht es um die Tickets für die Welt Winterspiele 2021.

Mir bleibt nur die Hoffnung dass Kevin nicht der einzige Athlet aus unsrer Region ist, der in Reit im Winkel an den Start geht!

Der Begriff“ Menschen mit mentaler Beeinträchtigung“ ist für mich passender als „Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung“, wie es bei Special Olympics Deutschland heißt. Das ist schon fast verletzend!

 Warum muss in Deutschland alles so juristisch (vielleicht) korrekt sein, emotional ist es auf jeden Fall gefühlslos und erniedrigend!

In Österreich hat man etwas mehr Herz, denn da heißt es „Menschen mit mentaler Beeinträchtigung

Joachim Burba, Vater

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